Nähen ist wie Yoga

für heute habe ich einen tollen Artikel in unserer Zeitung gefunden, es geht darin ums Nähen. War es doch jahrelang überhaupt nicht hip sich mit dieser Arbeit zu beschäftigen, so ist nun scheinbar die Trendwende gekommen. Ich bin ja nun schon ein alter Hase auf diesem Gebiet und wurde oft wie ein Wundervogel angesehen, der einen Beruf ausübt, wo bei den einen Begeisterung ausbricht, wenn sie von meiner täglichen Arbeit hörten und die anderen sahen mich etwas abfällig und mitleidig an. So nach dem Motte, zu mehr hat es nicht gereicht.

Auch ich habe die H & M, Zara usw. Ketten und was nicht alles auf den Markt drängte hautnah miterlebt. Meine Tochter wurde immer mit selbstgenähtem versorgt, bis der Tag kam an dem Sie mir mitteilte, dass Sie in die Stadt möchte, um endlich was richtiges zum Anziehen zu kaufen. Das war dann so eine billig Klamotte von irgendeiner Kette, ich konnte sie mir nicht merken. Ein paar Jahre hielt dann dieser billig Trend an, danach „durfte“ ich Sie wieder ab und zu einkleiden. Als Sie dann Mutter von zwei Mädchen wurde, benähte Sie selbst ihre beiden Zuckerpuppen mit den tollsten Kleidern, Röcken und Hosen.

Jetzt ist wieder ein neues Zeitalter in unserer Familien-Hierarchie angebrochen, die Mädchen möchten nicht mehr benäht werden, jedoch meine große Enkelin hat die kreative Ader geerbt und näht was das Zeug hält. Geübt haben wir auf einer meiner Maschinen, wo ich immer mit etwas Bauchschmerzen die Näharbeiten verfolgte. Eine Bernina-Nähmaschine hatte ich noch übrig von der Ausbildungszeit, wo ich Lehrlingen die Kunst des maßschneiderns beigebracht habe, auf dieser entstehen nun die Kreationen meiner Enkelin.

Seit Guido Maria Kretschmer auf Vox seine Sendung „Geschickt eingefädelt“ moderiert gibt es sicher sehr viele, die der totalen Uniformität dieses globalen Einheitslooks entfliehen wollen. Ich freue mich sehr darüber, dass Nähen nicht mehr uncool ist, sondern wie es in meiner Zeitung genannt wird, nähen ist „Slow Fashion in Reinkultur“.

Also meine Lieben, ran an die Nadel und infiziert euch mit diesem Virus.

Ehrenamt und Arbeit

bin schon ganz gefrustet, dass ich mit meiner eigentlichen Arbeit nicht weiterkomme. Zuerst habe ich diese Woche für meine Maßkundschaft einiges an Änderungen erledigt und mich kreativ betätigt.

Es steht nämlich wie jedes Jahr an Pfingsten ein großes Fest mit Umzug in meiner Heimatstadt an. Und nun schon zum dritten Mal werde ich die Grundschulkinder mit Kostümen neu einkleiden. Das macht neben all der Maßanfertigung sehr großen Spaß. Hergestellt habe ich schon Schneckenhäuser und Eselköpfe. Dieses Jahr sind Schweinchen dran.


Dann hat mich mein Ehrenamt noch voll in Beschlag genommen. Ich habe unsere Homepage vom Landesinnungsverband http://www.massschneider-bw.de/ aktualisiert, unsere Vorbereitungen für die Modenschau unserer Massschneider-Innung Stuttgart erledigt und die Woche war um.

Eins habe jedoch bei all der Arbeit gefunden, einen kleinen Leitfaden für den Einstieg in die Selbstständigkeit. Hier ist der Link dazu

http://www.massschneider-bw.de/selbstaendigkeit/

Passform

Heute habe ich mir wieder die Chanel-Jacke vorgenommen, damit das gute Stück endlich fertig wird. Bin jedoch mit der Passform immer noch nicht zufrieden. Es ist anstrengend sich selbst einzukleiden.

Dazu eine kleine Geschichte aus längst vergangener Zeit. Vor ca. 25 Jahren war ich immer der Fahrer wenn wir zum Fachabend in unsere Innung fuhren. Meine beiden Mitfahrerinnen waren 2 Kolleginnen im Alter meiner Eltern. Ich sozusagen als Jungspund (der ich mit 40 auch nicht mehr war) in den Augen meiner Mitfahrerinnen, musste mir dann ihre Probleme anhören. Wenn ich dann völlig euphorisch von meinen Neueinkleidungen berichtete, so war ihre Antwort: Für mich selbst nähe ich überhaupt nicht mehr gern. Damals verstand ich das überhaupt nicht, heute allerdings schon. Warum das so ist, darüber habe ich lange nachgedacht. Obwohl ich nun mehr Zeit hätte als damals, macht die eigene Kleidung herzustellen keinen großen Spaß mehr. Zum anprobieren steht man ständig vor dem Spiegel, dann sitzen die Schultern nicht richtig, die Oberweite hat sich „ausgedehnt“ die Taille ist aus dem Ruder gelaufen, kurz gesagt, das Spiegelbild zeigt eine andere Frau als die, die mein inneres Auge sieht.

Soviel zu den Herstellungsproblemen der Garderobe im hier und heute. Warum ich aber diese kleine Geschichte erzählt habe, hat mit unserer Kundschaft in der Maßschneiderei zu tun. Denn meistens bekommen wir gerade solche Aufgaben gestellt, wenn sich ein Kunde/in ein neues Outfit schneidern lässt. Und der beste Grundstock hierfür ist, dass man seine Grundschnittaufstellung beherrscht. Dazu gehört die korrekte Maßabnahme beim Kunde/in und die Anprobe vor dem endgültigen fertigen des Kleidungsstückes.

So nun werde ich mich wieder über meine Jacke machen.

EdithF

Nähen wie ein Profi

so habe ich einen Praxisteil meiner Ratgeber genannt. Kennst Du das, wenn sich oft schwierige Arbeitsgänge nicht lösen lassen, weil das Grundwissen dazu unvollständig ist. Glaube mir, auch ich hatte so meine Probleme damit, obwohl ich über eine umfassende Ausbildung verfüge. Meistens lernt man erst im Lauf der Jahre viele Kniffs und Tricks kennen die einem die Arbeit erleichtern.

Jahrelang habe ich Musterteile für die Konfektion genäht und konnte mir so manch gute Verarbeitung dann zu eigen machen.

Hier ein Ausschnitt aus meinem Ratgeber:

Stecken und heften

Bei den Profis wird zwar grundsätzlich nichts geheftet, meistens sogar nicht einmal gesteckt.

Doch ich selbst verwende diese alte Methode gern bei sehr komplizierten Teilen, wo ich genau arbeiten muss. Oder bei einem Teil aus Samt oder einem dicker Wollstoff, denn hier besteht die Gefahr des Verschiebens unter der Nähmaschine.

Wenn das Nähgut unter der Maschine liegt, dann ruht Ihre linke Hand dicht neben dem Steppfuss und die rechte davor. Jetzt nicht einfach drauf los nähen, sondern durch leichten Druck der Hände die Richtung der Naht bestimmen. Sollte nun ein Stoff auf der oberen Seite etwas mehr nach unten geschoben werden, so muss durch ein leichtes spannen des unteren Stoffteils dies ausgeglichen werden. Auf jeden Fall muss am Ende ein Teil auf dem anderen liegen, so wie es vorgesehen war.

Zum verschieben gleich ein ganz wichtiger Punkt: Niemals einfach die Naht am Ende hinaus laufen lassen, so dass ein Unterschied der zwei Stoffseiten entsteht. Das ergibt nämlich am Saum einen schiefen Fadenlauf, oder es fehlt am oberen Rand ein Stück Stoff. Darum nicht einfach abschneiden und angleichen, denn dies bringt die ganze Schnittkonstruktion durcheinander.

Kleidung herstellen ist wie Architektur, dort kann auch nicht eine Wand höher sein als die andere sonst gibt es eine schiefe Decke.

Wir sind die Architekten für die Kunst am Körper.

Sollten die Enden nicht sauber aufeinander treffen, empfehle ich das was der Profi auch tut: Auftrennen und noch einmal nähen.

Bis zum nächsten Mal

EdithF