Flaute im Atelier

Kennst Du das, Weihnachten und Silvester sind vorüber und Dein Stimmungsbarometer hängt tief im Keller. Vor allem, wenn Du die Aufträge ansiehst, bekommst Du schon so ein leichtes flaues Gefühl im Magen. Wenn alles abgearbeitet ist, hat die Kasse immer noch Ebbe, doch die Betriebskosten sollen am Monatsende bezahlt werden.

Diese Schauergeschichte habe ich ganz bewusst für den Anfang eines neuen Jahres gewählt, denn ich würde mich doch sehr wundern, wenn es heutzutage anders läuft.
Zu meiner Zeit galt folgende Faustregel: Januar ist Flaute im Betrieb, weil Weihnachten und anschließender Silvester die Kasse der Kunden ganz schön geschröpft hat. Es ist immer noch Winter und Frühlingsgefühle wollen sich noch nicht einstellen. Dazu kommen die ganzen Abgaben, die am Jahresanfang (auch privat) getätigt werden müssen und es bleibt kein Geld mehr übrig, um sich geheime Kleider-Wünsche zu erfüllen.

Was kannst Du dagegen tun, um diese Löcher im Vorfeld auszufüllen.
Vielleicht bist Du in der glücklichen Lage für Konfektionsfirmen zu arbeiten oder hast schon im Herbst einen guten Auftrag bekommen, den Du nun abarbeiten kannst. Das wäre natürlich das Beste was Dir passieren kann.
Wenn dies jedoch alles nicht zutrifft und Du ganz verzweifelt nach Kunden Ausschau hältst, dann verrate ich Dir hiermit ein Geheimnis, auch ich war jahrelang von der Flaute am Jahresanfang betroffen und im Karussell der Kundensuchmaschine gefangen. Das zog sich einige Jahre so hin, bis ich eines Tages Kontakt zu meiner ersten Konfektionsfirma bekam. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich 3 x im Jahr mit festen Einnahmen rechnen, die mir dann geholfen haben meine Lücken wieder aufzufüllen. Nach und nach kamen dann noch Aufträge von Kunden, Theatern und Musical dazu und mein Atelier war gut ausgelastet.

Dies ist jedoch nur die Kurzfassung von dem, was Dich erwartet, wenn Du am Anfang der Selbstständigkeit stehst. Alles braucht seine Zeit, bis ein Rädchen ins andere greift.

Mit diesem Beitrag möchte ich Dir Mut machen, auch andere Dinge in Deine neue kreative Freiheit einzubinden. Das sind zum Beispiel Fortbildungen in Arbeitstechniken oder im betriebswirtschaftlichem Bereich. Dabei erlernst Du Arbeitstechniken die Du noch nicht beherrscht oder Deinen Betrieb gut zu managen, Arbeitsabläufe zu organisieren und vieles mehr.

Bis bald

EdithF

Meine Nähmaschine und ich

Hallo und herzlich willkommen im Jahr 2018

Wie fang ich an, am besten ich erzähle Dir, was ich mir für 2018 vorgenommen habe. Was denkst Du, was erwartet Dich in diesem Beitrag heute. Vielleicht Nähtipps, Anleitungen, Schnittentwicklungen und viele andere Dinge aus der Schneider-Praxis. Leider muss ich Dich in Deiner Erwartungshaltung etwas enttäuschen.
Wir beide, meine Nähmaschine und ich, sind nun schon viele Jahrzehnte ein Paar und unzertrennlich. Wir besitzen einen Zauberhut voller Tricks und Kniffs über das Nähen. Doch was mir selbst sehr am Herzen liegt, bist Du mit Deinem Traum der Selbstständigkeit.
Nähen habe ich gelernt von der „Picke auf“ wie man so schön sagt, die Grundlagen der Maßschneiderei. Gelehrt meine Auszubildenden und mein Wissen in Kursen weitergegeben.
Ich habe mir für 2018 vorgenommen, Dich da abzuholen, wo Du vielleicht gestrandet bist, zum Beispiel nach dem Ende deiner Ausbildung, oder gar nach deinem Abschluss der Meisterprüfung.
Du hast einen großen Traum, ein eigenes Atelier soll es sein. Kunden willst Du mit Deinen Kreationen begeistern, ihnen die Kleidung individuell und einzigartig schneidern.

Du hast eröffnet!

Deine Eröffnung war wundervoll und viele Versprechungen von „ich melde mich bestimmt bei Dir“ gab es. Nun wartest Du, schon etwas länger als Dir lieb ist.

Warum ist das so, vielleicht hat das mit der Vergangenheit unseres Berufsstands zu tun, wo zwar Kleidung gebraucht wurde, aber die „Näherin“ nicht den Stellenwert hatte, gutes Geld zu verdienen. Vielleicht gibt es andere Dinge die nicht passen.

Anstrengend ist meistens der Weg, bis Du die Anhöhe erreichst, wo Du dann das Ziel schon in der Ferne siehst. Sicher es gibt einige Kollegen die Du vielleicht verfolgst in den sozialen Netzwerken, die anscheinend auf der richtigen Zielgeraden sind. Doch auch sie haben mit Sicherheit einen nicht ganz einfachen Weg hinter sich.
Möchtest Du etwas mehr Licht in dieses Dunkel bringen, dann lade Dir doch völlig kostenlos mein kleines Büchlein herunter, es führt Dich ein in die geheimnisvolle Welt unseres kreativen Handwerks ein.

Bis bald
EdithF

Ruhepause

 

Die Arbeit ist vorbei, der Lodenmantel hat den Weg zur Kundin gefunden. Nur eins ist mir nicht gelungen, ein schönes Bild von der gelungenen Arbeit. Wir waren beide vor dem Fest etwas sehr in Eile, um alle Einkäufe und was es sonst noch zu erledigen gab, in die verbleibende Zeit hineinzupacken, nichts Wichtiges zu vergessen und dabei blieb das Bild auf der Strecke.
Nun ist erst einmal eine Ruhepause nötig, um etwas herunterzukommen und um sich auf die neuen Aufgaben vorzubereiten.

Ich wünsche euch allen ein gutes erfolgreiches Jahr 2018

Bis bald EdithF

 

 

Der Lodenmantel

Es geht los mit der Mantelerstellung. Habe den Schnitt abgeändert, nachdem ich den Prototyp probiert hatte und nun kann zugeschnitten werden.
Der Stoff ist vorbereitet, das heißt, er ist komplett abgebügelt und wartet nun auf das Auflegen des Mantelschnittes. Insgesamt ergibt der ganze Zuschnitt 27 Teile aus dem Stoff und 16 Teile aus der Vlieseinlage G 405. Danach habe ich mit der Bügelpresse die Einlage auf fixiert und erst einmal die Teile zum Ausruhen, damit sich Einlage und Stoff gut verbinden können, flach auf den Boden gelegt. Morgen werde ich den Mantel zur Anprobe zusammen heften.

Du willst wissen wie es weitergeht, schau wieder vorbei.

Zeitplan

Heute wollte ich eine andere Anfertigung einschieben, doch mein Zeitplan geriet durcheinander.
Beim Durchforsten meines Kleiderschranks musste ich feststellen, dass etwas Hosennotstand für den Winter herrscht. Natürlich könnte ich mal schnell in den Laden gehen und mir 1 oder zwei Hosen kaufen. Doch wie ich schon bei dem Mantel berichtet habe, ist es nicht einfach eine Hose zu finden, die optimal meinen Maßen gerecht wird. Meine Figur sieht zwar auf den ersten Blick nicht nach einer Problemfigur aus doch wir Frauen haben da ja schon so unsere geheimen Stellen, die wir gern gekonnt verstecken möchten. Ich verrate Dir mein Figurproblem, es sind Taille und Oberschenkel. Bei den Hosen ist das dann so, dass wenn die Taille passt, mir die Hose um Po herumflattert und an den Oberschenkel nicht richtig sitzt. Und das kann ich absolut nicht ausstehen. Daher nähe ich mir meine Jeans selbst.
Zugeschnitten ist das gute Stück und sollte eigentlich schon fertig sein.

Doch letzte Woche hat mich eine Erkältung erwischt und ich war schachmatt. Ein Glück, dass ich mir heutzutage die kleine Auszeit gönnen kann, denn auf diese Weise entfleucht ein lästiger Schnupfen sehr schnell.
Frisch gestärkt wollte ich dann ans Nähen gehen und hatte dabei eine Kleinigkeit nicht eingeplant. Es hat nichts mit nähen zu tun, sondern mit der Jahreszeit, der 1. Advent rollte heran. Wie das so ist, beginnt man mit schmücken der Wohnung, besorgt oder stellt selbst einen passenden Adventskranz her und schon geht wieder ein Tag vorbei, ohne die Nähmaschine zu berühren.
Diese Dinge, die den Zeitplan durcheinander wirbeln, werden auch Dich mit Sicherheit manchmal einholen, wenn Du vielleicht Deine Selbstständigkeit mit einem Kleinhandwerk angefangen hast.
Zeitmanagement heißt das Zauberwort hierfür, es hilft die vielerlei Dinge, die zu tun sind, gut einzuordnen. Denn neben all der beruflichen Herausforderung haben wir ja noch eine andere  die private Seite, die wir nicht vernachlässigen dürfen.

Ich wünsche Dir daher, dass Du für die Adventszeit nicht zu viel Hektik und Stress in dein Leben lässt, damit Du Weihnachten genießen kannst.

Bis bald EdithF

 

 

Zuschnitt und Anprobe

Das ist der Lodentraum meiner Kundin

Der neue Mantelschnitt ist fertig.

Nachdem ich aus dem Grundschnitt der Kundin, den Mantelschnitt erstellt habe, kommt nun mein nächster Arbeitsgang. Ich habe überlegt, ob ich auf Risiko gehe und gleich den Originalstoff zuschneide oder einen Zwischenstopp einlege. Denn wie schon berichtet, habe ich es nicht mit einer normalen Maßverteilung zu tun. Durch die Haltung könnte es durchaus sein, dass mir trotz des Maßschnitts die Vorderseite nicht so sitzt, wie ich es mir vorstelle. Also entschloss ich mich für den Prototyp aus einem Ersatzstoff. Hier kann ich verschieben, einsetzen und ausschneiden, ganz so wie es die Figur verlangt.

Sicher denkst Du, was für ein Aufwand, doch glaube mir, er wird sich lohnen. Auch die gute Konfektion betreibt diesen Aufwand, nur weiß das keiner, wenn im Laden das gute Stück auf der Stange hängt. Dort gibt es Models (natürlich mit Standardmaßen) an denen der Prototyp probiert wird. Nach der Schnitterstellung kann es dann nochmals zu kleinen Veränderungen kommen. Danach werden Musterteile erstellt und dann beginnt erst die Vervielfältigung.

Dies ist nur ein ganz oberflächlicher Einblick in den Ablauf eines konfektionierten Teils sein.

Ich habe meinen Mantel nun probiert und bin froh, dass ich einen Prototyp aus einem Ersatzstoff zugeschnitten habe. Beim Vorderteil lag ich richtig mit der Balance, denn es stand ab und musste neu ausgerichtet werden. Der Rücken mit der langen Kellerfalte passte perfekt und auch die Ärmel saßen sehr gut. Beim Kragen habe ich zwei Lösungen angeboten, das waren ein Stehkragen oder ein Kragen mit eingesetztem Steg. Es wurde der Stehkragen. Nun kommen die Abänderungen, danach richte ich den Schnitt neu ein und dann kann der Zuschnitt aus dem Originalstoff erfolgen.

Beim nächsten Arbeitsgang geht es weiter.

Bis bald

EdithF

Hast Du Fragen zu dem Beitrag, dann sende mir ein kurzes Mail, ich melde mich schnellstmöglich bei Dir.

Winterhülle

Brrr, es ist kalt geworden, vorbei sind die schönen laue Tage, wo man nicht viel anziehen brauchte.
Nach meiner kleinen Auszeit, nehme ich nun mein nächstes Projekt in Angriff. Es soll ein Wintermantel werden mit Landhaus-Touch. Normalerweise ist dies keine schwere Aufgabe für mich, doch es sind die kleinen Stolpersteinchen, die wieder vorhanden sind. Und die gehen bei der Schnitterstellung los.
Jeder, der sich ein Kleidungsstück nähen möchte, holt sich einen Schnitt dazu oder zerlegt vielleicht ein altes Stück, um es erfrischt wieder auferstehen zu lassen. Bei dem Mantel ist es ein wenig komplizierter. Die Kundin klein, rundlich und daher nicht der Norm entsprechend.
Nachdem Sie schon in München und Garmisch ihre Einkaufsrunden gedreht hat, war der Frust jedes Mal groß, weil kein Mantel über ihr „Arschel“ (das sagt Sie selbst) passte. So bliebt für das Wunschobjekt nur der Weg zum Schneider, wie immer, wenn die Kleiderwünsche erfüllt werden sollten.

Soviel zur Vorgeschichte, jetzt komme ich zur Arbeit. Ich holte aus meiner Schnittmappe, die ich für jede Kundin angelegt habe, ihren Grundschnitt heraus und begann diesen für den Mantel in einen Maßschnitt aufzuarbeiten. Dies wäre normalerweise keine große Aufgabe, da der Mantel ja gerade ist und in der hinteren Mitte eine Kellerfalte hat. Nur sollte er auch noch eine perfekte Form bekommen und das bei einer OW von ca. 125 cm und HW von ca. 138 cm. Was noch dazu kam, waren eine kurze Taillenlänge, ein breiter Rücken, kurze Ärmel, Po und Bauch. Bei diesen Vorgaben passiert es ganz schnell, dass das gute Stück am Ende einem geraden Sack gleicht. Und nun ist kreatives erstellen eines Mantelschnittes angesagt. So und das ist nun meine Herausforderung.Nächstes Mal gehts weiter

Bis bald

EdithF

Erholt zurück

Das war sehr notwendig nach dem anstrengenden Frühjahr und Sommer. Für einige Zeit weg von den vielen Aufgaben, die es täglich zu erledigen galt.

Nach den letzten anstrengenden Wochen, war mein Akku leer und ich brauchte eine kleine Anlaufzeit, um wieder in Schwung zu kommen. So habe ich mir für heute vorgenommen, die neuesten Beiträge von Shailia Stephens anzusehen und bin beim diesem Video gelandet, welches Sie mit Jesta Phoenix gemacht hat, es lautet “Slow Business“. Für mich ein sehr interessantes Video, denn ich konnte sehr viele Dinge, die besprochen wurden nachvollziehen.

Wir haben ja alle eine Erwartungshaltung an uns, die wir möglichst erfüllen möchten. Sonst sind wir in unserer inneren Meinung, die wir von uns haben nichts wert. Doch das Leben ist manchmal nicht damit einverstanden und wirft uns hin und wieder kleine oder größere Brocken vor die Füße, die wir dann wegzuräumen haben.

Auch ich war nicht verschont davon, wichtig ist nur dabei, danach wieder aufzustehen.

Was sagt uns nun das “Slow Business“? Jeder muss seinen Weg finden, der für ihn passt. Viele verlieren sich dabei in einem Arbeitswulst, den es täglich zu erledigen gibt, dass ihnen keine Zeit mehr bleibt, um schöpferisch tätig zu sein und sind daher ausgebrannt und frustriert. Warum das so ist, ich denke, dass dabei oft der Arbeitsaufwand und der Ertrag nicht in Einklang stehen.

Nicht dass ihr denkt, ich hätte diese Weisheit erfunden, nein auch ich habe mich jahrelang in diesem Hamsterrad bewegt. Und dann kam der große Sturz, der mich fast aufgefressen hat. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Wenn Du davon träumst, Deine eigene Selbstständigkeit mit einem Kleingewerbe aufzubauen, dann tue es. Geh Deinen Weg gelassen an, vor allem wenn Du noch Familie hast. Glaube mir, es kommt nicht darauf an, schneller, reicher, besser werden zu wollen, sondern darauf, dass Du glücklich und zufrieden mit dem was Du tust bist. Wenn Du gut bist und Dein Handwerk beherrscht, wird sich der Erfolg auch einstellen.

Hab Geduld, es wird sich lohnen.

Kennst Du schon meine Ratgeber aus der Praxis eines Kleinunternehmers, ich habe sie bei XinXii eingestellt. Ein Exposé dazu gibt es gratis zum Download auf der Seite für Dich.

Tantchens neue Jacke


Habe mir überlegt, was ich Dir aus meinem Arbeitsalltag erzählen könnte. Da kam mir so leise von der Seite ein kleiner Gedankenabstecher in meine Vergangenheit in den Sinn.
Erzählt habe ich ja schon über meine Anfänge, darüber, wie wir in unserer Lehrzeit an die Verarbeitung der verschiedenen Aufträge der Kunden herangeführt wurden. Einst wurden wir zuerst einmal in die Arbeitstechniken die von Hand erledigt werden mussten eingeführt. Stundenlang saßen wir an unseren 8ter Tischen, 4 rechts 4 links und waren damit beschäftigt, erste Anproben vorzurichten. Eine mühselige Arbeit, die mit dem Durchheften mit Heftfaden begann (das war zum bezeichnen der unteren Seite), nach dem auseinander ziehen der beiden Schnittteile wurde der Heftfaden dazwischen aufgeschnitten. Dann folgte das zusammenheften der Teile, damit das Kleidungsstück anprobiert werden konnte.
So war der Ablauf einst in der Maßschneiderei, wo wir Lehrlinge oft den ganzen Tag damit verbrachten diese Vorarbeiten für eine Anprobe zu erledigen. Du kannst Dir denken, dass dies oft nicht so das war, was wir uns so vorstellten. Doch wenn ich heute so zurückblicke, bin ich sehr froh diese Erfahrung gemacht zu haben.
Jahre später als ich schon mein eigenes Atelier hatte, habe ich durch ständiges dazu lernen die Arbeitsabläufe optimiert und mir meine Art der Verarbeitung in ständigem üben so zurecht gelegt, dass viel Zeitersparnis in der Herstellung entstanden ist. Sicher, letztendlich verteilt sich mancher Ablauf und der Hauptzeitaufwand steckt mehr am Anfang, also sozusagen in der Schnitterstellung. Dies gleicht sich jedoch im Fertigungsprozess wieder aus.
Heute gehe ich her, wenn ich zum Beispiel Teile für eine Modenschau entwerfe, dass ich diese erst mal aus einem Nessel oder einem alten Stoff herstelle, um meine Schnittführung zu überprüfen, ob die Weite und Länge stimmt, probiere Ärmel und Krägen ob diese meinen Vorstellungen entsprechen. Wenn dann alles zu meiner Zufriedenheit auf der Schneiderpuppe oder wenn es möglich ist am Model probiert ist, dann kommt die Feinarbeit, der letzte Schliff den der Schnitt noch braucht. Natürlich kommt es beim richtigen Stück auch vor, dass noch eine kleine Korrektur fällig ist, so ging es mir zum Beispiel bei der Herstellung meines schwarzen Mantels.
Doch heute erzähle ich Dir die Geschichte von Tantchens Jacke. Im August besuchte mich meine Tante, Sie war noch nie in meinem jetzigen kleinen Reich, indem ich nun schon 6 Jahre wohne. Meine große Werkstatt musste ich aufgeben und war zuerst einmal völlig am Boden zerstört, dass ich nun keinen Arbeitsplatz mehr habe. Nach einigen Monaten und viel Hirnschmalz, welches ich verbraucht habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich noch nicht reif für die „Insel“ bin. Ich fing an, meine Kunden zu Hause zu besuchen und so habe ich mir Stück für Stück wieder meine Aufträge beschafft. Dies war nun vor ca. 8 Jahren. So baute ich mir dann wieder mein Atelier auf, allerdings nur noch im kleinen exklusivem Rahmen. Das heißt für mich, dass ich mich meiner erlernten Tätigkeit widme der Maßschneiderei.
Nun kam Tantchen zu Besuch und ich zeigte Ihr meine Teile, die auf den Laufsteg am 22.September kommen sollten. Da hing sie dann, die Jacke im Chanel-Stil und Tante war hin und weg. Am liebsten hätte Sie das Einzelstück gleich mitgenommen, doch dies konnte ich nicht zulassen. Daher habe ich ein Teil, welches schon Schnitt technisch total abgerichtet war, ein zweites Mal aus dem gleichen Stoff hergestellt.
Du denkst jetzt sicher, das ist doch ein ganz normaler Vorgang, dass mehrere Teile aus ein und dem selben Stoff, mit dem gleichen Schnitt hergestellt werden. Ja das ist es in der Konfektion, aber nicht in der Maßschneiderei. Und darum geht es bei unserem kleinen exklusiven Handwerk und das sollten wir behüten, damit es nicht wie so viele Handwerksberufe verschwindet. Wie Du Dir dies erschaffen kannst, erzähle ich im Lauf der Zeit. Ach fast hätte ich es vergessen, die neue Jacke ist am Samstag per Post bei der Tante angekommen.

„Privatier“

Bin noch immer nicht in meinem inneren dazu bereit, mich wieder stundenlang mit der Herstellung von Kleidungsstücken zu befassen. Manchmal denke ich, dass mir das gewisse Begeisterungsgefühl für meinen Beruf fehlt. Doch diese Gedanken schiebe ich dann ganz schnell zur Seite. Ich möchte mit diesem Beitrag nicht meinem Beruf eine Absage erteilen, nein, ich bin mit Leib und Seele Maßschneiderin. Und wenn es für Dich der Traumberuf ist, freut es mich sehr. Lebe Deinen Traum und werde die oder der Beste, dann wird sich der Erfolg auch einstellen.


Mit meinem heutigen Beitrag möchte ich einfach mal aus der Sicht einer älteren Generation berichten. Wie schon in den letzten Beiträgen zu lesen war, habe ich an einer Modenschau teilgenommen. Wir waren eine bunte Truppe unterschiedlichsten Alters. Da konnte ich einmal wieder so meine Studien betreiben, wer sich was so vorstellt. Für mich selbst steht fest, es war das letzte Mal, dass ich mir diesen Kraftaufwand zumute.

Ich sehe die Dinge einfach etwas realistischer, als manch einer von unserer Zunft, denn die große Zeit der Maßgefertigten Kleidungsstücke, die noch von Kunden bestellt werden, hält sich sehr in Grenzen. Unser Berufsstand wird immer mehr von den großen Konfektionsfirmen ins Aus gedrängt, Kleidung hat heute nicht mehr den Stellenwert wie vor Jahren. Heute ist alles kurzlebig und schnell, dies vereinbart sich nicht mit einem handwerklichen Produkt. Kunden die früher beim Maßschneider die neuesten Kreationen aus Paris nacharbeiten ließen, fahren heutzutage mal kurz selbst nach Paris, oder Mailand und kaufen bei den großen bekannten Designern ein. Ob das Kleidungsstück für die Figur der Kundin passt, das ist eine andere Sache, das Label ist wichtig.

Daher habe ich mal die rosarote Brille abgenommen und mich auf heute bei der Modenschau konzentriert. Wir hatten tolle Teile, doch gibt es die Kundin dafür? Rein rechnerisch, wenn Material und Arbeitszeit verrechnet wird, überlegt sich manch eine Kundin die Anschaffung einer Maßanfertigung. So gab es viele Kleinigkeiten die von den verschiedenen Altersstufen unterschiedlich gesehen wurden. Manchmal passte es in den Zeitstrahl von heute und manchmal war es einfach gestern.

Was stellt sich der Kunde/in heute unter einer Schneiderei vor, hier kommt die Antwort;
das Telefon läutet und der Anrufer fragt: bin ich hier richtig bei der Änderungsschneiderei ……….. Das sucht der Kunde heute, die Änderungsschneiderei, die mal eben einen neuen Reißverschluss dem Anorak verpasst, die zu langen Hosen- oder Jackenärmel kürzt usw. Nicht dass Du jetzt denkst, die ist wählerisch. Ich habe mit Änderungen überhaupt kein Problem, denn dies sind die Arbeiten, welche uns die finanziellen Lücken schließen. Das Problem liegt wo anders, es liegt in der Denkweise von heute.

Schneider war ein angesehener Beruf, den hauptsächlich Männer ausübten. Das lag daran, dass es noch keine Konfektion gab. Wer einen Anzug brauchte, dem blieb der Weg zum Schneider nicht erspart. In meiner langjährigen Selbstständigkeit habe ich vor Jahren noch diese alte Garde von Kollegen getroffen, die für Firmenchefs usw. arbeiteten. Einmal war auch eine besondere Koryphäe aus dieser Zeit dabei, es war der private Schneider des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Man konnte von diesen Kollegen sehr viel an Verarbeitungstechniken lernen und kam immer neu inspiriert von einem Seminar nach Hause.

Es ist oft frustrierend, wenn ein erlerntes Handwerk mit einer 3-jährigen Lehrzeit auf eine untere Stufe herab gedrängt wird. Früher musste man noch mindestens 3 Gesellenjahre darauf packen, um den Meistertitel zu erlangen. Heute erfolgt der nächste Brief im Anschluss an die Gesellenprüfung. Dafür kann aber der Geselle nichts, Er macht nur das, was angeboten wird. Es war die Politik die uns vor mehr als einem Jahrzehnt in diese Nebenrolle gedrängt hat.
Von meiner langjährigen Zusammenarbeit mit der Konfektion, wo ich 2 bis 3 mal jährlich Musterteile erstellt habe, weiß ich, wie gut die Verarbeitung der Teile war. Um dies zu erreichen, reicht nicht mal eben ein Schnellkurs in Sachen nähen. Darum ist mein Anliegen, die Grundlagen der Maßschneiderei euch ein wenig näher zu bringen. Denn es gibt vieles, was zu einer guten Verarbeitung und Passform dazu gehört.

Genäht habe ich nun schon Jahrzehnte lang und tue es immer noch, wenn auch in eingeschränktem Maß. Jetzt kannst Du Dich bei mir informieren, wenn sich die Probleme nicht lösen lassen bei der Herstellung eines Kleidungsstückes.
Zum Schluss habe ich noch eine Frage an Dich: Wie kommst Du zu den Schnitten, kannst Du Schnittzeichnen? Oder benutzt Du einen Fertigschnitt.
Schreib mir, wie Du es machst.
Bis bald
EdithF