„Privatier“

Bin noch immer nicht in meinem inneren dazu bereit, mich wieder stundenlang mit der Herstellung von Kleidungsstücken zu befassen. Manchmal denke ich, dass mir das gewisse Begeisterungsgefühl für meinen Beruf fehlt. Doch diese Gedanken schiebe ich dann ganz schnell zur Seite. Ich möchte mit diesem Beitrag nicht meinem Beruf eine Absage erteilen, nein, ich bin mit Leib und Seele Maßschneiderin. Und wenn es für Dich der Traumberuf ist, freut es mich sehr. Lebe Deinen Traum und werde die oder der Beste, dann wird sich der Erfolg auch einstellen.


Mit meinem heutigen Beitrag möchte ich einfach mal aus der Sicht einer älteren Generation berichten. Wie schon in den letzten Beiträgen zu lesen war, habe ich an einer Modenschau teilgenommen. Wir waren eine bunte Truppe unterschiedlichsten Alters. Da konnte ich einmal wieder so meine Studien betreiben, wer sich was so vorstellt. Für mich selbst steht fest, es war das letzte Mal, dass ich mir diesen Kraftaufwand zumute.

Ich sehe die Dinge einfach etwas realistischer, als manch einer von unserer Zunft, denn die große Zeit der Maßgefertigten Kleidungsstücke, die noch von Kunden bestellt werden, hält sich sehr in Grenzen. Unser Berufsstand wird immer mehr von den großen Konfektionsfirmen ins Aus gedrängt, Kleidung hat heute nicht mehr den Stellenwert wie vor Jahren. Heute ist alles kurzlebig und schnell, dies vereinbart sich nicht mit einem handwerklichen Produkt. Kunden die früher beim Maßschneider die neuesten Kreationen aus Paris nacharbeiten ließen, fahren heutzutage mal kurz selbst nach Paris, oder Mailand und kaufen bei den großen bekannten Designern ein. Ob das Kleidungsstück für die Figur der Kundin passt, das ist eine andere Sache, das Label ist wichtig.

Daher habe ich mal die rosarote Brille abgenommen und mich auf heute bei der Modenschau konzentriert. Wir hatten tolle Teile, doch gibt es die Kundin dafür? Rein rechnerisch, wenn Material und Arbeitszeit verrechnet wird, überlegt sich manch eine Kundin die Anschaffung einer Maßanfertigung. So gab es viele Kleinigkeiten die von den verschiedenen Altersstufen unterschiedlich gesehen wurden. Manchmal passte es in den Zeitstrahl von heute und manchmal war es einfach gestern.

Was stellt sich der Kunde/in heute unter einer Schneiderei vor, hier kommt die Antwort;
das Telefon läutet und der Anrufer fragt: bin ich hier richtig bei der Änderungsschneiderei ……….. Das sucht der Kunde heute, die Änderungsschneiderei, die mal eben einen neuen Reißverschluss dem Anorak verpasst, die zu langen Hosen- oder Jackenärmel kürzt usw. Nicht dass Du jetzt denkst, die ist wählerisch. Ich habe mit Änderungen überhaupt kein Problem, denn dies sind die Arbeiten, welche uns die finanziellen Lücken schließen. Das Problem liegt wo anders, es liegt in der Denkweise von heute.

Schneider war ein angesehener Beruf, den hauptsächlich Männer ausübten. Das lag daran, dass es noch keine Konfektion gab. Wer einen Anzug brauchte, dem blieb der Weg zum Schneider nicht erspart. In meiner langjährigen Selbstständigkeit habe ich vor Jahren noch diese alte Garde von Kollegen getroffen, die für Firmenchefs usw. arbeiteten. Einmal war auch eine besondere Koryphäe aus dieser Zeit dabei, es war der private Schneider des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Man konnte von diesen Kollegen sehr viel an Verarbeitungstechniken lernen und kam immer neu inspiriert von einem Seminar nach Hause.

Es ist oft frustrierend, wenn ein erlerntes Handwerk mit einer 3-jährigen Lehrzeit auf eine untere Stufe herab gedrängt wird. Früher musste man noch mindestens 3 Gesellenjahre darauf packen, um den Meistertitel zu erlangen. Heute erfolgt der nächste Brief im Anschluss an die Gesellenprüfung. Dafür kann aber der Geselle nichts, Er macht nur das, was angeboten wird. Es war die Politik die uns vor mehr als einem Jahrzehnt in diese Nebenrolle gedrängt hat.
Von meiner langjährigen Zusammenarbeit mit der Konfektion, wo ich 2 bis 3 mal jährlich Musterteile erstellt habe, weiß ich, wie gut die Verarbeitung der Teile war. Um dies zu erreichen, reicht nicht mal eben ein Schnellkurs in Sachen nähen. Darum ist mein Anliegen, die Grundlagen der Maßschneiderei euch ein wenig näher zu bringen. Denn es gibt vieles, was zu einer guten Verarbeitung und Passform dazu gehört.

Genäht habe ich nun schon Jahrzehnte lang und tue es immer noch, wenn auch in eingeschränktem Maß. Jetzt kannst Du Dich bei mir informieren, wenn sich die Probleme nicht lösen lassen bei der Herstellung eines Kleidungsstückes.
Zum Schluss habe ich noch eine Frage an Dich: Wie kommst Du zu den Schnitten, kannst Du Schnittzeichnen? Oder benutzt Du einen Fertigschnitt.
Schreib mir, wie Du es machst.
Bis bald
EdithF

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